Was gibt es bemitleidenswerteres als jene Studienräte, die, den Staub mit Zeige- und Mittelfinger von ihren heimischen Kleinbibliotheksregalen wischend, der Sinnkrise zum Opfer fallen. All’ ihre einst steinernen Ideale aus dem Studium, hohl vom steten Tropfen aduleszenter Ungehörigkeit, Ignoranz und Faulheit. Man wollte ein besserer sein, der beliebtere, der feinsinnigere, der gutaussehendere. Doch man ist alt geworden, mürbe vom täglichen Kampf, bei dem es nicht darum geht etwas zu bekommen, was man nicht besitzt, sondern etwas zu geben, was man seit langem gehütet hat und woran man andere teilhaben lassen wollte: Wissen. So taub waren die Ohren, auf die man gestoßen ist in den Jahren.
Und doch, es bleibt das Bedürfnis sich und das Seine mitzuteilen. Sonst wäre alles umsonst gewesen. Man möchte die Welt beschenken mit dem eigenen Blick der Dinge, den Erfahrungen, die das eigene Leben in Fülle bereichert haben. Die Lyrik ist die Sprache der Dichter und Denker. Sie macht jede Aussage zu Poesie, selbst wenn die Wahrheiten, die dahinter stecken, noch so faul sind.
Nicht umsonst greift der Mensch zum Reim, wenn es darum geht der auserwählten, der einzig wahren, die lang gehegte Liebe zu gestehen. “Wenn ich es nicht bin, der sie überzeugt, vielleicht schafft es mein Feingefühl.” Ein Gedicht ist etwas intimes. Es entsteht aus reiflicher Überlegung heraus. Der Bauch spricht im Affekt, das Gehirn im Kalkül, das Herz in Reimform. Das Metrum schlägt im Takt des Pulses. Mal ruhig und besonnen, mal wild und ungestüm. Gedichte sind besonnene Leidenschaft, gezügelte Ausbrüche.
Wer könnte nicht verstehen, dass unser Studienrat in seinem Selbstzweifel, seiner zermürbenden Zwecklosigkeit zur Lyrik greift. Gedichte schreibt man nicht mit der Tastatur, sondern mit den Fingerspitzen. Unter Einsatz des mühevoll Verdienten wird im Eigenverlag ein Heftchen zum Buch hochstilisiert, hinter anmutigen Gedichtbänden im Franchise-Buchandel vergraben, führt es sein Dasein im Schatten seiner zellophanierten Nachbaren, die schreien und kreischen und flehen darum, dass man sich ihrer annehmen möge, mit ihren bunten Umschlägen, ihren seelenlosen redigierten, lektorierten Buchstabenwüsten. Bescheiden, ganz still liegt es da und schweigt, das Buch unseres Studienrats und fühlt, wie sich der Gilb seiner Seiten bemächtigt, wie der Kleister spröde wird, der die Seiten hält. Staub legt sich auf die Seiten wie Schnee.
Ein junger Mensch betritt den Laden. Sein Weg führt in vorbei an Fantasy-Romanen, Krimis, Romanen: zernagt, durchdrungen von belletristischer Spannungsfäulnis. Er greift nach einem Buch, eben diesem Buch unseres Studienrats. Mit spitzen Lippen bläst er den Staub von den Seiten, gleitet mit dem Daumen über die aufgefächerten Seiten, schlägt das Buch auf und ließt:
“Der Feingeist ist mehr Geist als fein, und wollte er doch Freigeist sein.”
Unter dem Titel “Lyrisches Ich” werden dem Leser in Zukunft einige wenige Einblicke in die Schatulle lyrischer Ergüsse des Autors dieser Zeilen gewährt. Sie entstanden allesamt zu früheren Zeitpunkten, getrieben von jugendlicher Unbedarftheit und sprachlicher Naivität. Man möge die Unzulänglichkeiten mit einem beflissenen Schmunzeln hinnehmen.




